«O Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön» feat. Mathi Frei (2) | Verfaulte Geschichten

«O Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön» feat. Mathi Frei (2)

Der Kulturjourni vor seiner Sammlung (Ausschnitt)

Im zweiten Teil unseres «epischen Gesprächs» (Roland Girtler) mit Mathi Frei über den unbekannten Nachbarkanton wirds persönlicher. Kurz nach 22 Uhr zapfen wir die dritte Flasche Rotwein an und sprechen über Mathis wilde Jugend und Adoleszenz – der umtriebige Frauenfelder war Fanzineherausgeber, Partyveranstalter, beim ersten St. Galler Slam dabei, gründete den ersten Frauenfelder Dichterwettstreit, war bei der Kaff-Gründung dabei pp. Weil Mathi Frei mittlerweile «geruhigt» (O-Ton) hat, gehts abschliessend, trotz schwerer Zunge und zunehmender Müdigkeit, nochmals ganz nüchtern um seine Zukunft als Lokaljournalist.

22:16

Verfaulte Geschichten: Eine der ersten Erinnerungen, die ich an dich habe, ist die Pfadi, 3. Stufe, ein Fest, dort unten an der Murg. In einem alten Haus. War das die Pfadihütte?

Mathi Frei: Das waren die legendären Partys im Buebewäldli!

Dort hast du ein Fanzine verteilt…

Das ANS. Autonomes Nervensystem.

Das hast du gegründet?

Ja. Es gab leider nur fünf Ausgaben.

Was waren deine Themenschwerpunkte?

Politik und Lyrik. Radikale Politik. Teilweise habe ich selber Leitartikel geschrieben. Wie man heute sagen würde. Obwohl sie nicht sehr leitend gewesen sind. Ich habe halt meine Gedanken zusammengefasst, andere Artikel kommentiert. Unter anderem solche von der Zeitschrift der Berner Reitschule, dem Megaphon. Die fand ich immer sehr anregend.

Wie alt warst du, als du das ANS gegründet hast?

Siebzehn.

Und warst du der einzige, der im ANS veröffentlicht hat?

Kollege Spring aka Ben Gunn hat das mit mir zusammen gemacht. Am Anfang machten wir fast alles selber, später hatten wir immer mehr Gastautoren. Ich habe viel Politik gemacht und bunte Lyrikseiten, meine Spezialität waren aber Saufberichte.

Wie heute «Uftakle und Abshake»?

Hm, man müsste es wohl eher «Abstürze und Abchotze» nennen.

Was war der wichtigste Report, den du damals gemacht hast?

Für mich war die Reise mit dem «Männerabend» nach Bern prägend. Eine längere Geschichte. Wir hatten eine Gegenverbindung zu den bestehenden Frauenfelder Verbindungen gegründet. Das waren die Thurgovia (literarisch), die Concordia (Turner) und die Licornia (Frauen). Ich war zwar mit einem Kumpel dann und wann bei der Thurgovia. Man konnte dort 10 Franken auf den Tisch legen und den ganzen Abend mittrinken. Das war noch praktisch, für einen 16-, 17-jährigen. Eine Verbindung war damals aber schlecht vereinbar mit dem Politzeugs, das ich im Kopf hatte, und ich hatte auch nicht den Schnitt, um aufgenommen zu werden. Im Untergymi und bis zur dritten Kantiklasse hatte ich immer gute Noten, dann kam der Alkohol. Dann gings bergab. So gründeten wir halt den «Männerabend». Das waren so fünf, sechs Jungs. Da gab es gute Geschichten.

Zum Beispiel als wir im Wilhelm Tell waren, in einem kultigen Beizli in der Vorstadt. Wir hatten gut was getrunken. Ich bin dann mit Franco dem Halbfinnen und einem anderen Kollegen von uns zum Open Air nach Gerlikon hoch gefahren. Das ist mit dem Velo etwa eine Viertelstunde. Eines führte zum anderen. Ich stürzte auf der Heimfahrt, die ich alleine angetreten hatte, schlug mir drei Schaufelzähne ab, zog mir eine klaffende Platzwunde zu, versaute mit meinem Blut das WC am Bahnhof Frauenfeld und kam dann ins Kantonsspital.

Und dann kam eben diese legendäre Reise nach Bern. Wir fuhren ans Fussballspiel Schweiz gegen England. Halt Jubeltrubelheiterkeit mit Alkohol. Damals durftest du sogar noch Sangria ins Stadion mitnehmen. Das waren noch Zeiten, 1997 im alten Wankdorf. Ich bin mit der Sowjetunionflagge im Englandsektor rumgerannt. Es war super. Nach dem Spiel haben wir noch Adolf Ogi getroffen, und ich hätte, sagen die anderen: «Ogi! Ogi! Ogi!» skandiert. Aber ich kann mich aber nur vage daran erinnern. Später gabs dann noch weitere Vorkommnisse. Auf jeden Fall hat mich die ganze Geschichte im Nachhinein 1400 Stutz gekostet und mir zu netten Gesprächen mit der Polizei verholfen. Zum Glück war ich damals noch nicht 18-jährig. Mittlerweile bin ich ja gereifter, fast schon erwachsen und habe sehr geruhigt.

Die Lyriksachen, die du im ANS geschrieben hat, ging das schon in die Richtung dessen, was du später an den Poetry Slams gemacht hast?

Das war viel experimenteller. Teils habe ich auch nur Worte aneinander gereiht. Worte, die ich schön gefunden habe.

Und Leute wie Ivo Engeler hast du damals schon gekannt?

Das kam erst über den Slam. Ich habe an der Kanti mehrere Semester lang bei der Schreibwerkstatt mitgemacht. Das war recht cool, mit den Schreibspielchen und dem ganzen Scheiss. Am Schluss gabs eine Lesung. Ich fand: «Machen wir doch was, das wir auch abgeben können.» Der Lehrer fand: «Gute Sache, wenn du das machst.» Worauf ich die Texte zusammenkopiert habe. Und dann meinte mal ein Kollege, im Dezember 2000 war das, in St. Gallen gebe es so eine Lyriklesung. Da könne man mitmachen und gratis Bier trinken. Das war der erste St. Galler Slam. Ich habe mitgemacht, mein experimentelles Zeugs vorgetragen, mich wahrscheinlich unter «ferner liefen» klassiert, und mich gut betrunken.

22:33

Am St. Galler Slam habe ich Etrit kennen gelernt, Tom Combo, ah, und Jack Stoiker. Und dann war da noch einer, Ueli Bürgisser, ein VBZ-Tramchaffeur, der auch geslammt hat. Wir haben Backstage ein Fässchen Bier gefunden und angezapft. Das hat geschmeckt, wäre aber der Siegpreis gewesen. Im Flon durften sie ja nur Wein und Bier ausschenken. Das konnten wir nicht wissen. Wir dachten: Wenn hier schon Bier steht, müssen wir nicht zur Bar laufen.

Wann hast du Ivo Engeler aka Superivo, zum ersten Mal getroffen?

Auf ihn bin ich über seine «Komplimente an den Küchenchef» aufmerksam geworden. Er hat einen Tisch gekauft, abgeschliffen und mit kleinen Texten beschrieben. Texte, die sich um das Thema «Küche/Essen» gedreht haben. Den hat er in der alten Kaserne in Winterthur ausgestellt.

Mathi mit seinem Compagnon und Mitbegründer des Frauenfelder Poetry Slams, Ivo Engeler, als Slamteam Frauenfeld

Aber er ist ein Frauenfelder, oder?

Ivo ist Müllheimer. Er hat die Kanti Frauenfeld zwei Jahre vor mir abgeschlossen. Er ist ein Jahr älter, aber weil ich repetiert habe, hat er zwei Jahre früher maturiert. In der Kanti hatten wir nichts miteinander zu tun. Eines Abends im Frühjahr 2001 habe ich Ivo dann auf Poetry Slam angesprochen. Wir haben dann am 5. oder 6. Mai 2001 den ersten Frauenfelder Slam veranstaltet.

Wer hat mitgemacht?

Tom Combo hat gewonnen. Etrit hat mitgemacht. Wer noch? Ivo und ich selber. Moderiert haben Roger Schweizer und Heiner Christ. Ah, genau, dieser Typ von der Kantibibliothek hat auch mitgemacht, Urs Käsemodel, ein verschrobener Siech.

Wo war das, im Eisenwerk?

Im Vorstadttheater. Die Wiggly-Fighters haben anschliessend gespielt. Mit Dr. Uglyfuck. Ich war mit Fabian Alder, dem Sänger, in der Kanti. Fabian ist heutzutage Regisseur an irgendeinem grossen Theater in Deutschland. Essen, Augsburg, Berlin, ich weiss es nicht. Das war eine gute Zeit, damals in der Kanti. Als ich repetiert habe, kam ich in diese Klasse. Von meiner alten Klasse habe ich heute noch mit Franco und Spring viel zu tun, aber sonst ist da nicht mehr viel.

Bist du wegen Franco dem Halbfinnen nach Finnland? Das war prägend für dich, ja?

Das war immer gut dort oben. Diese finnischen Sommer.

Wie viele Male bist du nach Finnland?

Viermal, wenn ich mich recht erinnere. Wir waren immer eine grosse Gruppe, bis zu zwölf Leute.

Hast du nicht mal erzählt, dass du dort an einem Slam mitgemacht hast?

Und trotzdem bin ich nicht derjenige mit der grössten Distanz vom Heimslam zu einem fremden Auftrittort im Poetry Slam Quartett. Kennst du das?

Habe davon gehört, aber nie reingeschaut. Wer hat dort die grösste Distanz?

Etrit. St. Gallen – Chicago. Aber Frauenfeld – Turku ist auch nicht schlecht.

Hast du mit deinen Mundarttexten mitgemacht?

Und trotzdem bin ich in die zweite Runde gekommen.

Die Finnen haben dich eine Runde weitergeklatscht, obwohl sie einen Scheiss verstanden haben?!

Raphi ist sogar ins Finale gekommen.

Raphi aka Hansfranzdampf?

Der hat aber englische Texte vorgetragen.

Wann hast du eich Raphi kennengelernt?

Raphi war einer dieser jungen Wilden damals.

Auch ein Kantischüler?

Was halt auch noch wichtig ist. Diese Buebewäldli-Partys haben schon lange vorher angefangen. Ich hatte, als ich Fünfzehn war, eine Klassenfez geplant und aus Versehen zwei Termine in einem Schützenhaus im Mühletöbeli gebucht. Da musste ich dann halt zwei Partys schmeissen, eine war klassenintern, die andere war öffentlich und umso besser. Später hat es mal irgendwo geheissen, im Buebenwäldli unten habe es auch eine gute Hütte, die koste nur 30 Stutz. Das war die Pfadihütte der Drittstüfler vom Stadtcorps. Damals hat die einer vermietet, der heute Gemeinderatskollege ist von mir und bei den letzten eidgenössischen Wahlen grüner Nationalrastkandidat, Christian Schmid. Ich ging zu ihm nach Hause und sagte, ich wolle die Hütte mieten. Er meinte: «Ok, macht 30 Franken für den Strom.» Ich habe den Schlüssel bekommen und mir die Hütte angeschaut. Es war ziemlich abgefuckt. An sich hätte es gar keinen Schlüssel gebraucht, man hätte die Türe aufdrücken, mit der Hand reingreifen und die Türe so öffnen können. Aber das war gerade darum eine idealer Ort. Dort haben wir sehr regelmässig gefeiert. 10 Stutz Eintritt, dafür Coop-Bier bis zum Abwinken. Durch die tiefen Fixkosten konnte das gar nicht schief gehen, und Schnaps haben die Leute teilweise selber mitgenommen.

Dort hast du Raphi kennengelernt?

Dort waren halt alle.

Ein Treffpunkt der kaputten Frauenfelder?

Naja, kaputt ist immer relativ. Nachher kam dann Urs Akeret. ich weiss nicht, ob du ihn kennst, ein Winterthurer, der das Gaswerk mitbegründet hat. Der begann 1998 im Eisenwerk das Programm zu machen, war, glaube ich, angestellt zu 40 Prozent. Irgendwann hat er Leute gesucht, und Sebi Bolli, damals Sänger der weitherum bekannten Kantischülerband Dow Jones, heute Sänger von Dexter Doom & The Loveboat Orchestra und Booker in Basel, ist dort reingeraten. Er fragte mich, ob ich als Roadie helfen würde bei Züri West und Patent Ochsner. Ich habe dann immer wieder mitgeholfen bei den Konzerten und dort viele Leute getroffen. Das war fast schon ein urbanes, alle diese elektronischen Mischgeschichten. Herbalisers, Haslers Manufactur und die erste Frauenfelder Drum’n’Bass-Party. Und dann gabs da am Altweg diese Punk-WG mit einem Keller, der vollgestellt war mit Fitness- und Kraftgeräten. Den Keller betrieben wir fortan als Partyort. Etwa anderthalb Jahre lang gabs dort wöchentlich einen Abend Bar.

Wann hast du Ato kennengelernt?

2003, an einem Frauenfelder Slam. Ivo meinte, er kenne einen aus Wigoltingen, einen Hochbauzeichner, der auch Texte schreibe. Er hat ihn eingeladen. Und seither hab ich es gut mit ihm. Ato hatte anfangs immer wieder andere Namen. Der erste war Gerold Steiner, glaube ich. Dann hat er sich mal noch Jean-Pierre Chris Labüsch genannt, wegen der Labüsch-Bar in Winti. Aber Ato Meiler hat sich irgendwann eingebürgert.

Christoph Kramer aka Ato Meiler aka aka aka

Und bei der Gründung vom Kaff warst du auch dabei?

Das war aber viel später. Was um die Jahrtausendwende angefangen hat, war der Otto-Herrmann-Saal. Das war ein Gewerkschaftshaus an der Gaswerkstrasse. Dann gab es die Otto-Herrmann-Stiftung. Otto Herrmann war ein bekannter Frauenfelder Gewerkschafter, der aber schon länger nicht mehr lebte. Da wurde dann ein wenig Geld investiert und das Untergeschoss des Hauses zum einen schönen Saal umgebaut, also, zu einem Sääli. Michi war damals in der Juso, Theo, der Mann mit dem langen Bart, war damals auch politisch aktiv. Nicht in der Juso, aber umweltpolitisch halt. Sie haben dann die «Denkbar Freinacht» gegründet oder «Freinacht denkbar», ich weiss auch nicht, wie das genau hiess. «Denkbar» hat mans dann einfach genannt. An einem Feitagabend hat man Bier getrunken und diskutiert. Dann haben wir dort unten auch angefangen, kleine Veranstaltungen zu organisieren. Ich hatte dort zum Beispiel meinen ersten DJ-Auftritt .

Als DJ Arschloch? Kotzmonaut? Die Gebrauchsgegenstände? Alles mit Michi?

Die Gebrauchsgegenstände ist mit Michi. DJ Arschloch und Kotzmonaut sind Soloprojekte. Aus der «Denkbar» ist dann auf jeden Fall der Verein Offkultur entstanden. Wir haben sicher drei Jahre lang ziemlich gut gewirtschaftet, obwohl wir uns immer einmieten mussten. Gab jährlich eigentlich nur zwei Offkultur-Veranstaltungen, die Silvesterparty und die Offkultur-Party. Das Prinzip war, dass sich Vereinsmitglieder für ihre Events, Konzerte, Partys oder Slams das Label mieten konnten, gegen ein kleines Entgelt, dafür auch Organisations- und Programmsupport erhielten. Das Label sollte für Qualität bürgen. Gute, hochwertige Events. Halt das Host-Prinzip: «Ich gehe an die Party, weil mich der und der eingeladen hat oder die Sache veranstaltet, woraus ich schliesse, dass das eine gute Veranstaltung ist.» Dadurch konnte sich der Verein über Wasser halten. Ein paar Leute fanden dann, das sei ja gut und recht, aber ein eigener Raum wäre noch nett. Dann hast du nicht immer diese hohen Fixkosten. Robin Kurzbein kam nach einem längeren Aufenthalt in Edinbourgh in einem Hippiecafé, The Forrest oder so, mit der Kaff-Idee nach Frauenfeld zurück. Beim Kaff gabs dann auch die Idee mit dem Bildungsaspekt. Dass es eine Bibliothek und Nachhilfeunterrichtsangebote, ein Internetcafé und weissnichtwas haben soll.

Eine Kommune!

Nun, heute ist man da nicht mehr so anspruchsvoll. Drei Jahre nach Verein Offkultur kam dann auf jeden Fall das Projekt «Kulturarbeit für Frauenfeld», kurz: Kaff. Eine erste Räumlichkeit, das Cinema Pax, wurde durch den Vermieter der Liegenschaft verunmöglicht, obwohl die Stadt eine Absichtserklärung gegeben hatte, dass sie das Projekt finanziell grosszügig unterstützen würde. Mittlerweile muss ich sagen, das wäre schon eine andere Kiste gewesen als das Kaff an der Zürcherstrasse 185. Da hättest du wirklich gross klotzen müssen. Das ist eine Location für 500 Leute. Ich war da von Anfang an dabei, aber eher als Berater, wenn man das so sagen will, ohne Anwesenheitspflicht. Mir gingen einfach die ellenlangen Diskussionen in die Beine. Fünf, sechs Stunden bei Theo zuhause auf dem Teppichboden rumsitzen, das war hart. Irgendwann hat sich dann die Lokalität an der Zürcherstrasse ergeben, und man hat zugegriffen. Die Location ist mittlerweile fünf Jahre alt. Ich war dort mit Marco Eigenmann in der Programmgruppe, habe anderthalb Jahre das Programm gemacht.

Im Kaff warst du nie Präsident, wie im Verein Offkultur?

Nein.

Gibts den Verein noch?

Laut Vereinsstatuten sollten wir jedes Jahr eine Mitgliederversammlung abhalten. Das haben wir jetzt schon länger nicht mehr gemacht. Ivo und ich haben mal noch ordentlich Geld in einen Relaunch der Website gebuttert. Das müsste man jetzt noch bewirtschaften.

 23:00

Walter Bühler ist gestorben.

Ende August ist er von uns gegangen. Herzinfarkt. Ich habe die Todesanzeige in der TZ gelesen.

Hat es einen Nachruf gegeben?

Sein Verleger, Liebig, ist vor ihm gestorben, ich weiss deshalb nicht, wer den geschrieben hat, aber es gab einen. Von der Verlagsgenossenschaft. Ich finde aber, wir sollten nicht so tun, als sei er ein hochwohllöbliches Mitglied einer Gesellschaft gewesen. Er war irgendwann an den Poetry Slams, hat viele schlimmen Geschichten erzählt, über seine Frau und seine Kinder. Er ging einem nicht selten auf den Geist. Je mehr er getrunken hatte. Er war in einem gewissen Sinne ein kaputter Mensch. Auch wenn er Leben in die Szene gebracht hat.

Er war ein Teil der Szene. Du kannst ja auch nicht einfach nichts machen, nur weil er privat ein Arsch war.

Du und ich, wir sind relativ früh in die ganze Geschichte hineingeraten. Da lernt man die Leute kennen, findet die Leute gut, schätzt diese Leute. Und nachher gibt es die Leute, die später dazu kommen. Man braucht eine gewisse Sozialkompatibilität, um mit allen klarzukommen. Das hat mir bei ihm gefehlt. Er hat immer die Fehler bei den anderen gesucht. Ob das die Thurgauer Kulturförderung war oder die drei Einer, die er regelmässig eingefahren hat. Es waren immer die anderen schuld.

Er hat halt etwas anderes gesucht. Zugehörigkeit beispielsweise.

Ich kann mich an einen Abend erinnern, wir waren in Olten am Slam. Walter Bühler, Ato Meiler, Patrick Armbruster, Etrit Hasler und ich. Wir waren auf der Heimfahrt. Patrick sass vorne und nickte irgendwann ein. Und Walter sass hinten und nervte Ato und Etrit massiv ab. Etrit sagte mehrmals: «Walter, halt die Fresse, oder wir werfen dich hier aus der Karre!» Ich habe laut Musik gemacht und mich nicht um die Rücksitze gekümmert. Personen sind auch das Abbild der Erfahrungen, die du mit ihnen machst. Und mit Walter habe ich neutrale bis schlechte Erfahrungen gemacht.

Es geht ja aber gar nicht darum, ihn zu bewerten. Wenn du die Szene anschaust, zumindest, wie es angefangen hat: Das hat doch solche Leute auch angezogen. Mir geht es mehr um das Phänomen. Walter hat Anschluss gesucht, hat geschrieben, hat Bücher verkauft.

Man könnte sagen, Walter war ein Fels in der Brandung gegen die Institutionalisierung des Poetry Slams. In seiner Selbstwahrnehmung war das zwar anders, er kam sich schlecht bewertet vor. Obwohl er wohl zu recht schlecht bewertet wurde. Und das muss man ihm lassen, er hat das durchgezogen. Bis zum Tod.

Wieso findet ein Typ wie ein Walter Bühler ein Stück Heimat im Slam-Zirkus?

Es ist eine niederschwellige Angelegenheit, mit den Open List Slams. Ich war froh, als wir in Frauenfeld das Cupsystem eingeführt hatten. Dann konnte ich sagen: «Sorry, Walter, es ist schon voll.»

Meine beste Erinnerung an ihn ist, dass er am Slam in Schaffhausen, als Matze B. und Susi Stühlinger moderierten, mal wieder die Zeit überzogen hatte, die beiden, schon sehr betrunken, auf die Bühne kommen, hinter ihn stehen, mit vier Armen umschmiegen und streicheln. Davon gibt es sogar ein Foto. Aber egal, für mich war halt immer klar, dass es auf dem Slam solche Typen gab.

Es gibt immer weniger davon. In der Schweiz ist Slam ja sehr berechenbar geworden. Wenn ich die Line Ups anschaue, kann ich mir sehr gut ausrechnen, was drin liegt. Weil ich weiss, was die anderen Slammer machen.

Muss man denn Daniel Rysers Aussage unterstützen, dass Slam tot ist?

Slam hat sich halt, wie alle anderen sozio-literarischen Phänomene, gewandelt. Von den wilden Anfängen zum institutionalisierten Event. Das hat immer seine Vor- und Nachteile. Vielleicht ist heute auch das Problem, dass der Nachwuchs vor allem über den u20-Kanal reinkommt.

Wie im Fussball, die Professionalisierung der Jugendarbeit.

Zu meiner Zeit hat es das nicht gegeben. Wäre ich damals mit 16 an einen u20-Slam gegangen, ich wäre heute vielleicht besser, erfolgreicher, könnte Geld damit verdienen. Ich finde es aber auch gut, dass ich hier veranstalten kann und nicht aufs Geld schauen muss. Dass ich machen kann, was mir gefällt.

23:22

Du hast mal gesagt, am Spiel FC Winterthur gegen St. Pauli wars, dass du bei der Thurgauer Zeitung eher für U-Kultur zuständig bist, der TZ-Kulturchef eher für E-Kultur. Hat sich das ergeben oder sprecht ihr das ab?

Ich mache natürlich auch viel E-Kultur. Da habe ich mich eingearbeitet, gerade in die Kulturpolitik. Oder Literatur aus dem Bodmannhaus. Bildende Kunst. Oder auch so lustige Geschichten, wie die der Schweizer Kulturhauptstadt Pfyn.

Das ist ein offizieller Titel?

Ja, zwei Jahre lang. 2011 und 2012.

Wer entscheidet das?

Der Heinrich Gartentor ist vor sechs, sieben Jahren zum ersten Mal zum Kulturminister gewählt worden, als Gegenminister zu Couchepin oder als richtige Vertretung für die Schweizer Kulturschaffenden. Vor vier Jahren wurde Dominik Riedo gewählt. Der wohnte in einem Dorf im Napfgebiet und kam auf die Idee, seinen Wohnort als Kulturhauptstadt der Schweiz auszurufen. Alex Mesmer und Reto Müller, die in Pfyn dick dabei sind, kamen mit Riedo in Kontakt. So kam der Titel nach Pfyn.

Weiss man schon, wer nach Pfyn Kulturhauptstadt wird?

Glaub nicht, man muss wohl bei Riedo anfragen, dem der Titel gehört.

Was gewinnst du dem ab, wenn du darüber schreibst? Gehst du nach Pfyn und guckst, was dort an Kulturhauptstädtischem rumsteht?

Ich spreche mit den Kunstschaffenden, die dort sind. Eine grosse Idee dieser Kulturhauptstadt sind ja die «demokratischen Kunstwochen». Dass der Künstler zwar der Motor eines Gedankens ist, die Umsetzung aber durch die Gemeinschaft erfolgt. Dementsprechend wechselt auch die Urheberschaft zu einer Gruppe. In diesem Fall das Dorf Pfyn. Diese «demokratischen Kunstwochen» dauern ein Jahr lang, schlussendlich werden etwa ein Dutzend Künstlergruppen dort partizipative Kunst machen.

Was entsteht dann?

Materiell entsteht zum Beispiel eine Holzskulptur eines italienischen Künstlers, aus Holz aus dem Pfyner Wald, zusammen mit Pfyner Handwerkern. Die wird aufgestellt und darunter eine Box vergraben, mit Wünschen der Pfyner Bevölkerung für das Dorf drin. Dann war eine Interaktionskünstlerin, Meret Schüppbach aus Bern, da. Die hat ein soziales Kunstprojekt in einem abgefuckten Berner Quartier, macht dort Kunstvermittlung mit Jugendlichen, die sich das sonst nicht leisten könnten. Diese Jugendlichen sind für eine Woche nach Pfyn eingeladen worden und konnten dort mit den wohlbehüteten Pfyner Jugendlichen ein Theater machen. Es wird 2012 aufgeführt. Bei einem weiteren Projekt konnten die Pfyner Handyfilme von Pfyn einschicken und zwei Stuttgarter machen aus diesen Handyfilmen eine Doku.

Das erinnert mich an «TomARTen» von Max Bottini.

Bottini arbeitet schon auch partizipativ, ist aber eher ein Food Artist. Er lotet die Zusammenhänge zwischen dem Essen und dem Mensch aus. Und am Schluss muss es immer einen Event haben.

Wie sprichst du dich mit dem Kulturchef ab?

Wir machen das, worauf wir Bock haben.

Ihr seid die zwei einzigen im Thurgau?

Neben Dieter Langhart, dem Kulturchef, gab es noch Martin Preisser. Der arbeitet aber mittlerweile nur noch beim St.Galler Tagblatt. Dazu auch einige gute Korrespondenten, wie ich einer bin. Denn mittlerweile ist mein Fixpensum bei der TZ ja ausgelaufen. Ich will mich bei Gelegenheit nach Möglichkeit wieder um ein Fixpensum bei der TZ bemühen. Zur Zeit mache ich für mehrere Ressorts, nicht nur die Kultur, so viel, dass es gerade gut ist.

Du hast also viele Freiheiten. Ich denke nur an den Artikel über die Biker…

Das war in «Mostindia». Das ist so die junge Seite in der TZ.

Wer macht «Mostindia»?

«Mostindia» ist vor etwa zwei Jahren ins Leben gerufen worden. Von einem jungen Typen, der damals so etwas ähnliches schon online machte. In der TZ-Printversion wurde «Mostindia» weiter ausgearbeitet und hochwertig umgesetzt, wie ich finde.

Der ist mit Eigeninitiative in die TZ gekommen, Wahnsinn!

Er ist zur damaligen Chefredaktorin gegangen, sagte, er wolle sowas machen. Sie meinte: «Mach mal.» Und gab ihm ein Projektbudget. Die TZ war früher eher altbacken. «Mostindia» hat eine Art Mentalitätswandel bewirkt. Mit Pionierarbeit!

Wie heisst denn der Mann?

Lukas Dumelin.

Der macht das immer noch?

Im Winter ist er in den Austausch nach Kiel. Ich übernahm seine 30 TZ-Prozent. Mittlerweile arbeitet er beim St. Galler Tagblatt, für «Zoom», ungefährdas Pendant zu «Mostindia». Seine 30 Prozent bei der TZ, die ich ja befristet hatte, wurden dann leider aufgehoben. So ist das halt.

Deine Zukunft bei der TZ ist also ungewiss.

Der Oktober hat eingeschenkt wegen der Stellvertretung. Ich habe viel gearbeitet. Das ist gut. Bei mir kostet ja vor allem der Wein, der Rest fällt nicht so ins Gewicht.

Was ist eigentlich der craziest Report, den du über diesen schönen Kanton je gemacht hast?

Da müsste ich nachschauen…

Das weisst du nicht auswendig?

Ich habe schon viel geschrieben. Mir ist der Lokaljournalismus allgemein ans Herz gewachsen. Ich mag den Kontakt zu den Leuten. Das ist im Lokaljournalismus enorm wichtig. Du musst die Leute wertschätzen. Ihnen das Gefühl geben, dass du sie ernst nimmst. Dass du dich für sie und ihre Geschichten interessierst. Dann bekommst du die Leute und den Kanton lieb. Aber vor allem musst du gute Texte schreiben. An die Leute herankommen, das ist im Thurgau nicht immer einfach. Ich habe so viele Leute getroffen, mit denen ich sonst nie was zu tun gehabt hätte. Sowas macht einen um Erfahrungen reicher.

Nachtrag: Mittlerweile gibt es einen Nachruf auf Walter Bühler, der aus der Slamszene kommt. Etrit Hasler bat aktive und ehemalige Slammer und Slamveranstalter um persönliche Erinnerungen an Walter Bühler und hat daraus einen Artikel in der Fabrikzeitung montiert, leider im 2. Bund und darum nicht im Netz zu lesen.

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