Aufwertungsposse um ein Bad – rhyloaded* | Verfaulte Geschichten

Aufwertungsposse um ein Bad – rhyloaded*

Am Morgen des 1. April 1944 bombardierte ein Geschwader amerikanischer Flugzeuge – wohl eher irrtümlicherweise – Schaffhausen. Es gab Tote und grösseren Sachschaden. Eine der Brandbomben schlug keine 50 Meter neben der Rhybadi ein, um ein Haar wäre also die Holzkonstruktion aus dem Jahr 1870 damals abgebrannt. Und die Provinzposse, die sich zurzeit um dieses Flussbad dreht, könnte gar nicht stattfinden. So aber ist Schaffhausen seit ein paar Monaten gespalten.

Wie oft bei Provinzpossen fing alles an mit einem hibbeligen Jung-SVPler und seinen, well: «Ideen». Daniel Preisigs Postulat hiess «Ganzjährig nutzbare Rhybadi: Wellness-Oase mit Munotblick!». Klar: Der Mann suchte die politische Schlagzeile, vielleicht sah er sich auch schon «Sex On The Beach» schlürfend auf einer Liege fläzen, dieweil geschickte Hände seine Jungpolitiker-Glieder massieren.

Wie dem auch sei: Das Parlament nahm Preisigs Steilpass auf und entwickelte klassisch politschwurbelnd eine Vorlage, die nicht ganz so weit geht wie die feuchten Wellnessträume des Jungpolitikers, aber doch weit hinaus über eine sowieso anstehende Sanierung des in die Jahre gekommenen Kastenbads. Geplant sind nun eine Lounge mit 130 Sitzplätzen im untersten Teil der Flussbadi (auf Kosten von drei Nichtschwimmerbecken), ferner eine Sauna, drei Massage-Behandlungsräume plus Backoffice und weitere Infrastruktur. Endlich urban! Etwas für die Jungen! In Zürich gehts ja auch! Aufwertung des Rheinufers! Aufwertung überhaupt! Lebensqualität! Im kleinen Paradies! Juhuu!

Es brauchte das Referendum des Rhybadi-Stammgasts und SP-Kantonsrats Matthias Freivogel, um eine breite Diskussion – und vor allem: eine Volksabstimmung – zu erzwingen. Dass dieses Referendum mit gegen gültigen 2500 Unterschriften in drei Wochen (Rekord!) zustande kam, zeigt, dass nicht alle auf die fortschreitende Loungeisierung der Altstadt stehen.

Am 17. Juni können die StadtschaffhauserInnen nun darüber abstimmen, ob sie die vom Stadtparlament vorgeschlagene, 1,2 Millionen schwere Lounge-plus-Sauna-Spa-«Aufwertung» ihrer Rhybadi möchten oder nicht. Die Grundsanierung allein käme übrigens auf gut 400 000 Franken zu stehen. Rechne!

Dreimal kurz gelacht, oder: Der wirklich wahre «Munotblick» am Standort der potenziellen Rhybadi-Lounge.

Die Gräben gehen quer durch alle Parteien, die SP etwa unterstützt Freivogel nicht, und verblüffenderweise ist auch die AL für die Lounge-inclusive-Variante. Die allermeisten Badi-Stammgäste sind für das Beibehalten des Status quo. Logisch – sie wissen, dass hier nichts künstlich aufgewertet werden muss. Dass das Abstimmungskomitee der Lounge-Befürworter den Slogan «Ja – Rhybadi für alli» benützt, ist eher skurril. Denn der Ort ist auch deshalb einer meiner liebsten in Schaffhausen, weil er wahrhaft öffentlich ist: Nach dem Lösen des Eintritts (Einzelbillett zurzeit noch 3.–, Saisonkarte 50.–) kann man einen ganzen Tag dort verbringen, kann selbst sein Essen und Trinken mitnehmen oder sich am Kiosk verpflegen und alles tun, wofür die von der «Annabelle» unter die 10 schönsten Freibäder der Schweiz gewählte Rhybadi vorgesehen ist.

Etliche der Stammgäste sind schon älter, während der Saison kommen sie Tag für Tag, es gibt welche, die werden über die knapp fünf Monate Öffnungszeit so braun und ledrig, dass Präventionsmediziner in Hautsachen bei ihrem Anblick leise hyperventilieren täten, andere sitzen im Halbschatten zusammen, bei Weizenbier, einem Café Crème oder Hälbeli Féchy, und tratschen über Gott, die eigenen Gebrechen und die Welt.

Man wird das Gefühl nicht los, dass sich die Aufwertungsfetischisten an diesen Gästen stören. Als ob man einen Komplex hätte, Schaffhausen sei «alt», verstaubt und hinterwäldlerisch, und man müsse jetzt den Schalter finden und schnell «jung» und dynamisch werden, egal, wie und womit – nur schon des Standortmarketings willen und um nicht endgültig ins Hintertreffen zu geraten. Was natürlich eine unglaublich hinterwäldlerische, vor allem aber: verzagte Position ist…

Meinerseits bin ich wild entschlossen, diesen Sommer in der Rhybadi in vollen Zügen und sehr, sehr unverzagt zu geniessen. Es ist vielleicht der letzte.

Jürg Odermatt

* Das eine oder andere Argument in diesem Pamphlet haben wir hier bereits ins Feld geführt. Es ist ja aber auch nicht für Schaffhausen geschrieben worden, sondern fürs Ostschweizer Kulturmagazin Saiten, und erscheint in der Juni-Ausgabe als Schaffhauser «Rundflug»-Kolumne.

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