Unterwegs in Sachen Demokratie mit dem Winterthurer Theater Menschenschau | Verfaulte Geschichten

Unterwegs in Sachen Demokratie mit dem Winterthurer Theater Menschenschau

Sonntagnachmittag um halbvier in Winterthur. Es regnet in Strömen und die gut dreissig Leute, die sich am Neumarkt versammelt haben, sind dafür gerüstet. Im Gegensatz zu mir tragen sie Gummistiefel, Regenkleider oder wenigstens einen Schirm. Wir stehen hier draussen vor dem abgebrannten Haus neben dem Kino Kiwi im Regen, weil das Theater Menschenschau zum dritten und letzten Mal seine diesjährige Produktion «Demokratie – ein theatralischer Stadtrundgang» aufführt. Merke: «Demokratie – findet bei jedem Wetter statt!!» (Flugblatt).

Die «Demonstration» auf dem Neumarkt

Zwei Theatermenschen streifen durchs Publikum, kleben allen Anwesenden einen Bändel ums Handgelenk und drücken der einen oder dem anderen ein Demoschild in die Hand. Dann steigt ein Mann mit Megafon auf einen Harass, fordert uns auf, einen Halbkreis zu bilden und kündigt darauf einen Redner an.

Der hält eine Brandrede, zuerst auf Deutsch, spricht davon, dass in einer Demokratie «gleiche Rechte für alle oder für niemanden» gelten müssten, bevor er ins Englische wechselt und das Führerprinzip propagiert. Der Mann mit dem Megafon und andere Claqueure der Theatergruppe haben sich unters Publikum gemischt und rufen zwischendurch immer wieder «Genau!», «So würde ich das sagen!» oder auch einfach «Wuuhuuuuuu!». Dann verlässt der Redner unter Applaus den Speakers Corner.

Keine «Demonstration» ohne Brandrede!

Das Wasser tropft von meinem Haar auf den Notizblock, als ich ihn im Schärmen eines Hausdurchgangs frage, was das jetzt gewesen sei. Er stellt sich als David vor und meint, das Englische sei ein Text von Slavoj Žižek gewesen, ein Vorabdruck aus dem Sammelband «Demokratie? – Eine Debatte», der bald auf Deutsch erscheinen werde. Der Deutsche Teil sei einem Buch von Alexis de Tocqueville entnommen, welches der geschrieben habe, als er aus den USA zurückgekehrt sei, damals, kurz nach der Französischen Revolution.

Das Publikum wurde unterdessen, entsprechend der Farbe jenes Bändels, den alle zuvor bekommen hatten, in drei Gruppen eingeteilt. Und in jeder Gruppe bekam jemand einen Routenplan ausgehändigt, auf dem drei Posten eingezeichnet sind. Ich geselle mich zur Gruppe mit den silbernen Bändeln und mache mich mit zwölf Leuten und unter der Anleitung eines Pärchens, das den Routenplan liest, auf den Weg zum ersten Posten im Stadtpark.

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Dort wartet eine schwarz gekleidete Blondine mit orangener Plastikweste, begrüsst uns förmlich und verliest die Regeln für den sicheren Gang über das Grün. Wir müssen dem Absperrband folgen, das um Bäume und andere Befestigungsmöglichkeiten im Stadtpark gespannt wurde, dürfen es nicht loslassen. Zwischen dem vorderen und hinteren Gruppenglied muss zudem ein Abstand von einem Meter eingehalten werden, man darf nur mit diesen sprechen und es darf niemand von ausserhalb in die Gruppe aufgenommen werden. Die Ordnungshüterin sagt: «Wer sich nicht an die Regeln hält, wird zur Rechenschaft gezogen.»

Posten 1 im Stadtpark zu Winterthur: Alles muss seine Ordnung haben

Eine aus unserer Gruppe fragt, weshalb das sein müsse. Die Ordnungshüterin erwidert: «Sie wollen doch ins Theater, nicht? Dann müssen sie auch die Regeln befolgen!» Dann geht es in einer Kolonne dem Absperrband entlang durch den Stadtpark. Nach dem zweiten Baum kommt eine Frau dazu, fragt, ob sie auch mitmachen dürfe, und als ihr einer aus unserer Gruppe den Platz vor ihm anbietet, kommt eine zweite Ordnungshüterin dazu und versetzt ihn zur Strafe nach hinten.

Als wir weiterlaufen dürfen, treffen wir beim Spielplatz auf einen Mann, der mit Handschellen an ein Parkbänkchen gefesselt ist. Er verliest ein Pamphlet, ruft uns dazu auf, ihn zu befreien und das System zu stürzen, schreit: «Zerstört den Stand!» Die Ordnungshüterin greift ein, sein regennasses Papier landete im Dreck und die Gruppe fällt auseinander. Denn die Mehrheit der Kolonne will ihm helfen, während ich mich, dem Absperrband folgend, zum besagten Stand aufmache. Und weil man immer allen Aufforderungen nachkommen soll, auch wenn sie sich widersprechen, verlasse ich den Pfad nie, hangle mich über die Spielburg, krieche unter Büschen hindurch und demoliere den Stand am Ende des Parkours ordentlich.

Wie ich, doppelt aufgefordert, von der Ordnungsmacht einerseits und dem Angeketteten andererseits, reagiert hätte, wäre das alles kein Spiel gewesen, ich weiss es nicht. Da es aber ein Spiel war, bei dem keine ernsthaften Konsequenzen zu befürchten waren, konnte ich mir die Randale getrost erlauben. Die dritte Ordnungshüterin und Theaterfrau hinter dem umgetretenen Stand ist aber trotzdem etwas verstört. Ich möchte mich bei ihr dann doch noch fürs Theater registrieren lassen, denn darum gehts dort eigentlich. Sie fragt mich, ob ich ein Mann oder eine Frau sei. Ich antworte, ich sei ein Mann, worauf sie mich fragt, ob ich das beweisen könne. Als ich ihr meinen Penis zeigen will, winkt sie aber ab: «Nein, nein, schon gut.» Es wäre aber auch kein schöner Anblick gewesen. Ich bekomme dafür einen roten Zettel mit einem O.

An diesem Posten habe ich einen Scheiss über Demokratie gelernt, denn unsere Stimme war nicht gefragt. Aber ich lernte etwas über Widerstand. Dem Widerständigen gebührt der Respekt der Unterdrückten, selbst dann, wenn er sich nur leichte Gesetzesübertretungen erlaubt, beispielsweise kurz das Absperrband loslässt oder mit Fragen die Ordnungshüter nervt. Den grössten Respekt bekommt jedoch jener, welcher am meisten zerstört und bereit ist, die Hosen herunter zu lassen.

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Der zweite Posten befindet sich dann im Parterre der Steinberggasse 11. Auf dem Flur liegen laminierte Plakate mit der Aufschrift: «Information?» oder «Ich bin von der Informationsflut überfordert!» Ein Blatt, mit dem ein Fernsehbildschirm überklebt wurde, zitiert Art. 93 Abs. 2 der Bundesverfassung und eines über einem PC-Screen zitiert Thomas Meyer: «Die Massenmedien sind zu einer notwendigen Voraussetzung der modernen Demokratie geworden.»

Posten 2: Inside Stefanini Immobilien

Dahinter gibts auf einem Laptop, der Beamer war ausgefallen, ein Filmchen zu sehen, in welchem sich eine Frau in eine Kartonkiste setzt, in zig Zeitungen blättert, das Papier auf den Boden wirft und der Schachtel danach wieder entsteigt. Als wir aus dem Haus treten, hält eine Theaterfrau ein Schild mit der Frage hoch: «Was wäre Ihre Meinung ohne Medien?» Und weil diese Frage ohne Medien nur schwer zu beantworten ist, drehe ich mir im Regen eine weitere Zigarette.

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Weiter geht es zur Sahara Bar, vorbei an der gerade erst eröffneten Ausstellung über den Plastiksack im Gewerbemuseum vis-à-vis der Stadtkirche. In zwei Baumulden wurden dafür unzählige Plastiksäcke in den verschiedensten Farben und mit den unterschiedlichsten Mustern aufgetürmt. Eine aus unserer Gruppe meint, dass die Säcke bald über die ganze Stadt verstreut sein werden. Das kann sie nur aus den Medien haben, denke ich, und steuere schnurstracks auf den Kellner zu, der unter einem Regenschirm vor der «BAR Café Égalité» auf unsere Gruppe wartet.

Drinnen ist es schummrig aber warm. Der Kellnern und drei Kellnerinnen begrüssen uns freundlich und nehmen die Bestellungen auf. Das stellt sich nun aber als äusserst schwierig heraus. Bei einer Kellnerin muss dafür ein Formular ausgefüllt werden. Die andere bietet ständig Alternativen, fragt, ob im Becher oder im Glas, ob in einem runden oder eckigen Glas und das geht ewig so weiter. Die dritte macht einen darauf aufmerksam, dass der O-Saft aus Orangen aus Südspanien gepresst und von Sans-Papiers, die in Plastikzelten in Wäldern leben, geerntet wurde, oder, dass Schnaps so früh am Nachmittag nicht die beste Idee ist – eine glatte Lüge aber was kümmert das die Moralapostel. Und der Kellner spielt den Diktator, bevorzugt einen Gast, während er einen anderen ignoriert, oder tischt Weisswein auf, obwohl Bier bestellt wurde.

Posten 3 au «BAR Café Égalité»: Die Kellnerin Moralapostel und der Kellner Diktator

In der «BAR Café Égalité» wurden wir mit verschiedenen Gesichtern einer Demokratie konfrontiert: der Bürokratie, der Volksbefragung, der Bevormundung, der Willkür. Und wer bekommen wollte, was er bestellt hatte, musste die Volksbefragung wählen. Denn ein Formular kannst du immer noch falsch ausfüllen, der Moral fällt immer etwas ein und ein Diktator, macht, was er will. Aber irgendwann gehen auch der findigsten Volksbefragerin die Fragen aus und dann bringt sie dir, was du willst. One thumb up for the Volksbefragung, but just one.

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Zum Ende der Aufführung finden die Gruppen dann wieder zusammen, sie haben die Posten gemäss dem Rotationsprinzip durchlaufen. Der Besammlungsort ist im überdachten Eingangsbereich der Kanti Büelrain. Angekommen, darf nur rein, wer sich im Stadtpark registrieren lassen hatte (Penisdrohung, sei Dank!). Decken liegen bereit, worauf sich das Publikum bereitwillig niederlässt, und wem das zu langweilig ist, kann Wünsche an die Demokratie auf Zettel schreiben und mit einer Wäscheklammer an eine Schnur klemmen.

Schlusspunkt bei der Kanti Büelrain

Dann folgt eine Aufführung. Im Programmheft kann man lesen, dass das Daniel Gugger, Nina Schneider und Tanja Zellweger sind, die da erst auf dem Boden ein Menschenklüngel formen, bevor sie sich unter Babylauten entwirren und vereinzelt zur Sprache finden. Es sind Auszüge aus Peter Handkes Sprechstück «Selbstbezichtigung», was ich ebenfalls dem Programmheft entnehme, Betreff: Fragen nach der Wechselwirkungen von Individuum und Staat. Hat der Handke wohl geschrieben, bevor er am Grab von Milošević geweint hat. Dann ist Schluss, Applaus. Alle, auch die Theatermenschen von den Posten in der Altstadt, kommen zusammen und verneigen sich. Wie im Theater.

Das Ensemble vor der Verneigung

Es war der schwächste Teil der ganzen Veranstaltung und das lag nicht am Spiel. Es lag daran, dass man hier auf die klassische Zuschauerrolle zurückgedrängt wurde, nachdem man zuvor Teil eines Spiels gewesen war. Und dieses Spiel fand an Orten mitten in Winterthur statt, mitten im öffentlichen Raum. Ob der Ort bewusst gewählt wurde, habe ich nicht nachgefragt, aber die an Sinnlosigkeit kaum zu überbietenden Regeln für den Gang durch den Stadtpark erinnerten an den Wegweisungsartikel, mit dem Stadtrat Künzle (CVP) den Park einst vom Pack säuberte. Er etablierte sich dadurch als Sicherheitspolitiker, was ihm 2012 wohl ins Stadtpräsidium verhelfen wird.

Dass das Theater Menschenschau sich dazu entschloss, verschiedene Ideen umzusetzen, und daher keine Auffassung, sondern unterschiedliche Auffassungen von Demokratie einander gegenüber stellte, war einerseits eine Stärke: Zumindest in unserer Gruppe wurde unterwegs über die Widersprüche demokratischer Systeme diskutiert. Andererseits war es aber auch eine Schwäche, denn man konnte sich doch immer fragen, was das alles konkret mit der Schweizer Direktdemokratie zu tun hat.

Dadurch wurde eine Gelegenheit verpasst, die Grenzen der Mitbestimmung in der Schweiz zu hinterfragen. Denn die gibt es im gelobten Schweizer Sonderfall, dann etwa, wenn ein Grossteil der Menschen, die hier arbeiten und Steuern bezahlen, kein Stimm- und Wahlrecht haben, oder wenn abertausende Menschen einer anderen Strafnorm unterstellt werden, weil sie keinen Pass besitzen. Hierzu hätte ich mir Fragen gewünscht, wie sie etwa das St. Galler Theaterprojekt City of Change 2011 gestellt hatte.

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2 Responses to Unterwegs in Sachen Demokratie mit dem Winterthurer Theater Menschenschau

  1. 5. Juni 2012 at 21:38

    nur eine kleine Anmerkung: Der Posten mit sehr klarem Bezug zur Schweizer (Direkten) Demokratie ist leider auch ausgefallen… ;)
    vielen Dank für den Bericht!

  2. Tanja
    6. Juni 2012 at 14:47

    Vielen Dank für den ausführlichen Bericht und deine kritische Stimme.

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