Im zweiten Teil unserer abschliessenden Kampagne geht es um die Befürworter der «Aufwertung». Welche Hand wäscht da die andere? Und weshalb beschimpfen sie Leute, die sich auf demokratischem Weg gegen die Vorlage zur Wehr setzen?
Sozialdemokratie & Jazz
Der Schaffhauser Nationalrat Hans-Jürg Fehr referierte im Rahmen des Jazzfestivals Schaffhausen am dritten und letzten Jazzgespräch 2012 über den Sinn von «Leuchttürmen» im Kulturbereich. Fehr ist Sozialdemokrat und bekannt dafür, dass er sich für die kleinen Leute einsetzt. Anstatt nun aber kritisch die grossen Institutionen und Events zu hinterfragen, die der Welt den Standort beleuchten, redete er den «Leuchttürmen» das Wort. Er sagte: «Dass Leuchttürme der Kultur rundherum das Wasser abgraben, glaube ich nicht.» Dann las er aus einem Luzerner Fanzine die Parole vor: «Es gibt mehr in Luzern als das KKL und das Lucerne Festival!» Und meinte, da stehe es ja geschrieben, die beiden Luzerner «Leuchttürme» hätten der Kultur rundherum nicht das Wasser abgegraben. Würde er Leute kennen, die Kultur rund um «Leuchttürme» schaffen, er hätte dies als trotzige Kampfansage gegen einen Verdrängungsprozess verstanden – so wie es gemeint war.
Hans-Jürg Fehr nun hat dem Intelligenzblatt kürzlich einen Leserbrief geschrieben, um seiner Zustimmung für die «Aufwertung» der Rhybadi Ausdruck zu verleihen. «Als Mitglied der Arbeitsgruppe ‹Visionen›, die den städtebaulichen Planungsprozess begleitete», schrieb er, «halte ich die Aufwertung der Rhybadi für richtig und notwendig.» Er wird das vom «Leuchtturm» aus beurteilt haben, ohne mit den kleinen Leuten zu sprechen, welche die «Aufwertung» der Rhybadi weder für richtig noch für notwendig halten.
Weshalb Hans-Jürg Fehr ein typischer Befürworter ist
Hans-Jürg Fehr ist ein gemachter Mann, Ex-SP-Präsident, Noch-Nationalrat, sitzt im Beirat des Jazzfestivals, sitzt in der AG «Visionen». Andere Befürworter der Rhybadi-«Aufwertung» sind zwar etwas weniger dekoriert, gehören aber trotzdem zur Spitze der hiesigen Nahrungskette (oder befinden sich auf dem Weg nach oben). Urs Tanner (SP), Christian Wäckerlin (sh_ift, sch-ar-f), Simon Stocker (AL), der versammelte Stadtrat und seine Stadtplaner, Ex-Stapi Marcel Wenger, die «SN»-Redaktion, welche die Ja-Parole beschlossen und kräftig Werbung gemacht hat für eine Badi, wie es sie in Zürich gibt, oder auch die Geschäftsführerin des Güterhofs, die auf Facebook die Werbetrommel rührt mit Sätzen wie: «So wie sich die Zeit wandelt, soll auch das historische Kastenbad an diesem Wandel teilhaben. Zur Freude aller.»
Den einen ist die «Aufwertung» der Rhybadi der Schlüssel zur Attraktivierung des Rheinufers, den anderen ein Bistro Deluxe am Rhein, wo man endlich gepflegt etwas trinken gehen oder als Pächter Business machen kann. Doch alle, alle haben begriffen, dass eine Rhybadi, die ins Bild passt und damit in Tourismusprospekte und auf Homepages für finanzkräftige Zuzüger, dass eine solche Rhybadi ihnen allen zudient. Für die Rhybadi, wie sie gegenwärtig ausschaut, haben sie sich immer geschämt und waren deshalb auch kaum dort anzutreffen. Wenn sie also sagen: «Ja – Rhybadi für alli» bzw. «Zur Freude aller» ‒ meinen sie zuallererst sich selber.
Die Wut der Visionäre
Dort oben, in luftigen «Leuchtturm»-Höhen, sieht man weit in die Zukunft und weiss um die beschränkte Sichtweise der Bewohner dort unten. Darum wollten die Befürworter der «Aufwertung» im Grossstadtrat keine Volksabstimmung. Als es doch dazu kam, weil Matthias Freivogel (SP) das Referendum ergriff und zweieinhalbtausend Schaffhauser/innen unterschrieben, wurden sie wütend: Urs Tanner sprach öffentlich von den «Taliban», die da am Werk seien, Marcel Wenger spottete über die Verhinderer und ihre «Verklärung von Zerfall», und Lukas Baumann, jazzaffiner Künstler, schrieb in einem «SN»-Leserbrief, die Gegner der Vorlage seien «notorische Zauderer, Saboteure, Erbsenzähler und Jammertanten».
Dahinter versteckt sich ein zutiefst undemokratisches, weil elitäres Denken: Man weiss es besser. Man denkt nämlich weiter als der Rest. Und weil man ach so klug ist, denkt man gleich für alle mit. Das kann – wie hier – zu Frustrationen führen. Denn wenn die Elite meint, es müsse vorwärts gehen, ist jede kritische Stimme: eine Stimme zu viel.
