Bachab? Flussab! | Verfaulte Geschichten

Bachab? Flussab!

Am Sonntagnachmittag, kurz nach halb zwei, vermeldete Radio Munot das Resultat der Abstimmung, die in Schaffhausen die grössten Wellen geworfen hatte. Es war überdeutlich: 9801 Schaffhauserinnen und Schaffhauser schickten die Rhybadi-«Aufwertung» flussab. Das ergab einen Nein-Stimmen-Anteil von 73,4 Prozent, oder, im EM-Fieber gesprochen, ein sattes 7:3!

Wir haben ein knapperes Resultat erwartet, zeitweise gar befürchtet, dass sich die Befürworter durchsetzen würden. Denn die «SN»-Redaktion hatte über Wochen hinweg eine Pro-Kampagne gefahren, und wenn sie sich in der Vergangenheit derart ins Zeug legte, war das auch schon entscheidend. Doch die Propaganda wirkte nicht recht, was auch daran gelegen haben mag, dass das Intelligenzblatt gleichzeitig der Opposition eine Plattform bot. Die «SN», wir anerkennen es in aller Demut, sind eine Forumszeitung. Und die Leserbriefe, die in den Wochen vor dem Urnengang abgedruckt wurden, warben für ein Nein. Auf allen Seiten waren sie in der Überzahl (EM-Sprech: 5:3, 6:3, 8:1, 5:4, 3:2).

Nach dem Sieg ist vor dem Schwumm: Referendumsträger Freivogel mit Journalisten.

Ausschlaggebend für den Ausgang der Abstimmung waren aber nicht zuletzt die Fehler der Befürworter – unverzeihbar grobe Schnitzer, wenn man beachtet, dass ihnen die Vorlage so wichtig war.

Der erste Fehler: Anstatt das Volk zu befragen, wollten sie die «Aufwertung» der Rhybadi ausschliesslich im Parlament verhandeln. Nachdem das Referendum zustande gekommen war, befanden sie sich deshalb von Beginn weg in der Defensive: Sie mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, sie hätten versucht, die Vorlage am Volk vorbeizuschleusen. Der zweite Fehler war eine Konsequenz des ersten: Die Befürworter begrüssten nicht etwa diese Volksbefragung, sondern verunglimpften die Träger des Referendums öffentlich als ewiggestrige Verhinderer. Das brachte die Gegner – natürlich – erst recht auf die Palme.

Der dritte Fehler war in der Vorlage selbst zu finden. Sie präsentierte sich im Detail eher diffus – und vor allem waren die Zahlen, die der Stadtrat veröffentlichte, völlig überrissen. Wir fragen uns immer noch, wie sie das gerechnet haben – gegen 1 Million Franken Umsatz mit einem Bistro? In der Rhybadi? Es gibt Clubs in Schaffhausen, die machen etwas mehr als eine halbe Million Franken Umsatz pro Saison, und dort wird Wochenende für Wochenende Party gepumpt. Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, hätte der Stadtrat von Anfang an klar gemacht, dass er einem Pächter entgegenkommen würde, die Umsatzziele erst ab dem dritten Betriebsjahr zu erreichen. Aber auch diese Relativierung lieferte der Baureferent erst, nachdem immer mehr LeserbriefschreiberInnen darauf aufmerksam gemacht hatten, dass die stadträtlichen Schätzungen illusorisch seien. Es war der letzte Fehler – der allerletzte war wohl die Verwendung des Reizwortes «Lounge» in der Vorlage.

Klar, wenn du das Neue willst, hast du es oft schwer, denn es soll Leute geben, die aus Prinzip ein Nein in die Urne legen. Die 815’000 Franken für den Umbau dürften ein weiterer Grund für eine Ablehnung gewesen sein (der Grund, weshalb wir uns plötzlich zusammen mit den Sparern am Staat, unseren politischen Feinden vom Jungfreisinn und der SVP, und gegen unsere politischen Freunde der AL in einem Schiff befanden). Aber gerade dann musst du die Direktbetroffenen in deine Pläne miteinbeziehen (hier scheint die Stadt nur beschränkt lernfähig), und deine Zahlen sollten zumindest einer Milchbüechlirechnung standhalten.

Was bleibt nach dieser Abstimmung? Unsere wohl literarischste Politkampagne (in 1, 2 und 3 Teilen) und ein wenig Zuversicht, denn die Aufwerter kommen nicht mit allem durch. Es bleibt auch eine grosse Enttäuschung. Denn da waren die Grosstadträte von der SP und der AL, die Stadträte und der Nationalrat der SP, die der «Aufwertung» im Namen der «Lebensqualität» den Penis hielten. Und von unseren linken Volksvertretern erwarten wir, dass sie solche Entwicklungen/Pläne kritisch hinterfragen, anstatt sie freudig voranzutreiben. Für uns gilt der Grundsatz: «Unenufe isch besser als obenabe» – da kümmert uns die Parteimitgliedschaft herzlich wenig.

Sie sagen, am Rhein müsse etwas gehen, und dagegen ist nicht das Geringste einzuwenden. Nur war die Rhybadi dafür der falsche Ort (eben, weil dort schon etwas geht). Anders verhält es sich beim Kammgarnhof, wo keine Badegäste, sondern Autoparkplätze dran glauben müssten. Oder bei der Flanierterrasse am Rhein, wo schon mit einer Fussgängerbrücke zum Feuerthaler Ufer viel Bewegung entstehen könnte.

PS: Und falls das alles nichts wird: Am Samstag gabs diese illegale Party beim Kraftwerk. Das Fest am Rhein zeigte, dass es immer eine Handvoll SchaffhauserInnen gibt, die sich den Raum nehmen und sich auch dann, wenn um halb zwölf die Polizei auftaucht und den Saft abdreht, nicht den Spass verderben lassen. Aber auf die Idee, solche Veranstaltungen zu bewilligen, kam bis zum heutigen Tag noch kein Stadtrat.

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One Response to Bachab? Flussab!

  1. 20. Juni 2012 at 22:00

    SCHADE! da sind nur 500 zeichen erlaubt :) reden wir mal im taptab bei einem drink! kurz: ich bin enttäuscht, dass so eine chance flussabwärts geschickt wurde. lieber sich einsetzen für das, was schon ist? ja, dafür gibt es gute gründe! es gab aber auch genau so gute gründe für eine veränderung! jedoch: beim bewahren bleibt man inaktiv. man hat kein risiko. ermöglichen setzt vorstellungskraft, engagement und vertrauen vorraus. dieses offene denken suche ich vergebens bei der mehrheit im “7:3″.

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