Erwartbares zur Fussball-Europameisterschaft | Verfaulte Geschichten

Erwartbares zur Fussball-Europameisterschaft

Die Kroaten sind zwar längst draussen, aber gehupt wird nach wie vor. Das endgültige Hupkonzert werden wir wohl am Sonntag zu hören bekommen, wer es dann auch immer geben darf: Talijanci, Njemci, Španjolci oder Portugisci. Solange die Fussball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine also noch via Bildschirme und Grossleinwände in unsere guten Stuben und Public-Viewing-Zelte übertragen wird und die Sieger hupend durch die Stadt fahren, hupen wir mit Susi Stühlinger und ihrer «Saiten»-Kolumne Juli/August – erwartbar – zurück:

Erwartbares

Sie werden das erwartbar finden: Ich mache mir nichts aus gesellschaftlichen Grossereignissen und schon gar nicht der zwangsverordneten vier-Wochen-Hysterie namens Fussball-Europameisterschaft. Weil es mir jedoch aus pekuniären Gründen versagt blieb, ein grosses Loch zu graben und dort einen Monat unbezahlten Urlaub zu machen, entschied ich mich, wenn auch widerstrebend, an dem Ding teilhaben zu wollen, zumal ich mich sonst über vier Wochen mit niemandem hätte unterhalten können, was mir als gesellige Person äusserst schwer gefallen wäre. Weil ich keine Ahnung von Fussball habe und alle Mannschaften gleich blöd finde, brauchte ich ein Instrument, das mir das Teilhaben ermöglichte: Beim Beizer meines Vertrauens füllte ich für 50 Franken einen Tippzettel aus, legal, möchte ich hier noch anmerken, denn die Veranstalter verdienen an der Sache nichts. Der Beizer meines Vertrauens heisst Werner und in seiner fantastisch unprätentiösen Raucherkneipe namens Kastanienbaum soll laut Fussballmagazin «11 Freunde» dereinst Jogi Löw der Leibhaftige «den modernen deutschen Fussball entwickelt» haben.

So verbrachte ich denn das erste EM-Wochenende im Kastanienbaum und sah von Spiel zu Spiel meine Chancen schwinden, wenigstens den Tipp und somit ein bisschen Geld, das ich während der EM versoffen haben werde, zu gewinnen. Kaum verwunderlich – oder: erwartbar – denn in Wirklichkeit finde ich natürlich nicht alle Mannschaften gleich blöd, sondern einige etwas weniger – Griechenland, Kroatien oder Schweden zum Beispiel oder anders gesagt: so ziemlich alle, denen Kenner kaum die grössten Siegeschancen einräumen. Mit Werners Stammpublikum, dessen Durchschnittsalter irgendwo kurz vor der Pensionierung liegt, fieberte ich, juchzte und heulte ich den Bildschirm an und war nicht mal böse, dass sie allesamt besser getippt hatten als ich, auch wenn allesamt auch besser verdienen als ich und teils etwas verkrustete Ansichten über die heutige Jugend breitschlagen und sich recht laut über lärmige, verkotzte Altstatgassen echauffieren, während sie sich das zehnte Bier hinter die Binde schütten.

Sie werden sich fragen, wo dieser Text noch hinführt und ob da noch etwas Überraschendes komme und ich kann sie beruhigen: da kommt nichts. Als sich am Sonntagmorgen gegen halb vier vor meinem Fenster vier Kerle in Fussballtrikots fast zu Tode prügelten, sagte ich der Polizei am Telefon aus Vorsicht zuallererst, ich wolle keine Lärmklage einreichen, vielmehr gehe es mir um die Gesundheit der Personen unter meinem Fenster. Als ich mich einige Tage später anschickte, eine Lärmklage einzureichen, weil am Sonntag ein nicht enden wollender kroatischer Autokorso wild hupend vor meinem Fenster vorbeigezogen war, riet mir ein Bekannter aus dem Kastanienbaum davon ab, weil eh chancenlos, weil eben gesellschaftlicher Grossanlass und drum absolut zumutbar, selbst wenn es Kroaten seien. Ich entgegnete, dass mir die Nationalität der Hupenden absolut schnuppe sei, im Gegenteil, ich hatte mich sehr für die Kroaten gefreut und auch ein bisschen für mich, denn zum ersten Mal hatte ich auf die richtige Mannschaft getippt und daneben fragte ich mich ganz leise, weshalb Lärm immer dann zumutbar wird, wenn die Ereignisse mit Milliarden gestopft und mit Werbung gespickt sind – aber vermutlich ist das erwartbar.

Susi Stühlinger, 1985, ist Spokenword-Poetin und Journalistin bei der «WOZ»

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