Partly reclaimed: Schaffhausen (feat. Rhybadi, AL, NZN) | Verfaulte Geschichten

Partly reclaimed: Schaffhausen (feat. Rhybadi, AL, NZN)

Nach dem Tschutten auf dem Emmersberg zur Abkühlung in den Rhein springen und dann fläzen auf den Holzbrettern der Rhybadi. Für ein paar Stunden den Herrenacker besetzen. Oder am Rheinufer tanzen, bis die Polizei kommt. Ich habe diesen Sommer genossen, wie ich noch keinen Sommer genossen habe. Das lag auch daran, dass ich ihn zu früh abgeschrieben hatte.

Schuld war nicht das Wetter, sondern ein Abstimmungskampf, der für Schaffhauser Verhältnisse ungewohnt brutal ausgetragen wurde (Kollege Odermatt berichtete an dieser Stelle). Es ging um nichts als die Zukunft der Rhybadi, und die Befürworter eines Bistros im unteren Bereich des Kastenbads verunglimpften die Gegner als «Taliban» (Urs Tanner, SP-Grossstadtrat) oder «Saboteure» (Lukas Baumann, Künstler). Die Gegner wiederum zahlten es allen heim, die von einer «Aufwertung» sprachen, und dissten die Befürworter als «Soirée-Cüpli-Trinker» (Christian Erne, Blogger).

Das war durchaus persönlich gemeint. Denn nicht wenige Befürworter waren Linke, zum Teil langjährige politische Weggefährten, und ich konnte schlicht nicht verstehen, wie sie einen derart einzigartigen Ort wie die Rhybadi zum üblichen Mist aus Bad und Bistro bis Club umfunktionieren wollten – alles über die Köpfe der Badegäste hinweg. Die Wut, die mich im Verlauf des Abstimmungskampfs überkam, kenne ich nur vom Streit in der Familie. Ich weiss nicht, ob ich den Befürwortern jemals hätte vergeben können, wäre diese «Aufwertung» durchgekommen.

Doch dann wurde alles gut: 73,4 Prozent der Stimmberechtigten legten am 17. Juni ein Nein in die Urne, und auch die Verschwisterung mit der Alternativen Liste liess nicht lange auf sich warten. Über ein Postulat von AL-Grossstadtrat und Rhybadi-«Aufwertungs»-Befürworter Simon Stocker fand die linke Kleinpartei zurück zu ihrer Existenzberechtigung – zum kreativen Widerstand. Und dadurch zu einer Aufwertung ohne Anführungs- und Schlusszeichen.

Stocker hatte vom Stadtrat gefordert, dass der Herrenacker, diese Presskieswüste mitten in der Altstadt, die nur für Megaevents wie etwa «das festival» taugt, mit beweglichen Spielen, Schattenspendern und Sitzgelegenheiten belebt werden sollte. Als sein Vorstoss im Grossstadtrat abgelehnt wurde, rief die AL zur Besetzung des Herrenackers auf: An zwei Samstagnachmittagen im Juli versammelten sich gegen fünfzig Leute, spielten Pingpong und Fussball, grillierten und tranken Bier.

Der Soundtrack zur Besetzung kam von der Gruppe NZN. Fredi B, Herr Mehr, Rina Lou und ihr Soundsystem – Laptop, Mischpult und Boxen auf einem Veloanhänger, an einen Generator angeschlossen – waren da bereits freilufterprobt. Am Samstag vor der Rhybadi-Abstimmung hatte NZN zur illegalen Party beim Wasserkraftwerk aufgerufen. Auf einer kleinen Wiese am Zürcher Rheinufer, gleich unterhalb der Schleusen und neben dem rauschenden Rhein, feierten etwa hundert Menschen zu elektronischer Musik. Bis um halb zwölf die Polizei auftauchte und den Saft abdrehte.

Nach der Party beim EKS und den Gastspielen auf dem Herrenacker zog es NZN raus ins Grüne. Zuerst auf einen Spielplatz hinter dem Waldfriedhof, wo getanzt wurde, bis morgens um drei der Generator ausfiel. Und dann, in der Nacht auf den Nationalfeiertag, auf die Weiherwies in Herblingen. Dort schaute zwar wieder eine Polizeistreife vorbei, doch die Leute durften bleiben. Und als die Uniformierten abgezogen waren, pumpten die Beats weiter, bis die Sonne aufging.

NZN lockte mich diesen Sommer dreimal raus aus dem kleinstädtischen Mief. Und, jawoll, dabei ging es ums Festen. Die gemeinsamen Aktionen mit der AL auf dem Herrenacker sagen mir jedoch, dass es um weit mehr ging. Darum nämlich, etwas gegen immer mehr Regeln und Kommerz im öffentlichen Raum zu unternehmen.

Was mithin der Grund war, weshalb ich mich so leidenschaftlich gegen die «Aufwertung» der Rhybadi eingesetzt habe.

PS: Diese 3’872 Zeichen werden im September-Heft des Ostschweizer Kulturmagazins Saiten veröffentlicht. Der Dank geht an NZN, auch für das Föteli von der Premiere am 16. Juni beim Kraftwerk. Und an alle anderen, die nicht aufhören, in Schaffhausen «Coptown» (Anonymous) das lebenswerte Chaos zu verbreiten.

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