Wer regiert eigentlich unsere Städte?
Geschrieben am 18 Mai 2012 von Verfaulte Geschichten in «Dorfleben, Überwachung, Widerstand»| Keine Antworten
Diese Frage steht am Anfang eines Artikels von Dominik Gross in der aktuellen WOZ über Lärmklagen, die den Berner Statthalter Christoph Lerch dazu brachten, den Vorplatz der Reitschule zu sperren. Gross beantwortet die Frage deshalb gleich selber: «Es ist nicht die Mauch Corine, nicht der Morin Guy, nicht der Maudet Pierre und auch nicht der Tschäppät Alexander. Es sind auch nicht die Pharmaindustrie, die Bankenwelt, Glencore oder Swatch. Nein. Wir werden regiert von Menschen, die ein allzu unbeschwertes Verhältnis zu ihrem Telefonhörer pflegen. Sie tippen die 117 ein, weil sie die Feierlust der anderen nicht aushalten: Unsere Städte werden regiert von LärmklägerInnen.»
Und wie damals im beschaulicheren Schaffhausen, als sich der oberste Verwaltungspolizist Pletscher wegen ein paar Telefonanrufen von Anstandbürgern bemächtigt fühlte, ein Konzertverbot im Mosergarten zu erlassen, und ein paar hundert Menschen dagegen auf die Strasse gingen, antworten die Berner heute den anonymen LärmklägerInnen und ihren Vollzugsorganen: «Nehmt ihr uns den Vorplatz, nehmen wir uns die Stadt!»
Magische Momente im kleinen Paradies (4): Jaaa-aaaaaaaaaaahhh!
Geschrieben am 16 Mai 2012 von Erne in «Stadtplanung, Standortwettbewerb»| 1 Antwort
Jesus, Patrick «Sympaddyc» Portmann (JCVP)!
Geschrieben am 14 Mai 2012 von Erne in «Alkohol, Drogen, Politik, Theater»| 2 Antworten
Da kämpfst du für billiges Mineralwasser in rauchfreien Clubs und alle werfen dir Effekt-, sorry, hascherei zwecks Wahlkampf vor. Der Schaffhauser Landzeitung entgegnetest du darob: «Ich muss jeweils schmunzeln, wenn ich diesen Vorwurf höre. […] Wenn man so will, dient ja alles, was man in der Politik macht, dem Wahlkampf.» Okelidokeli, Portmann. Und wie wir beide wissen, greift das auch viel zu kurz. Denn zuallererst bist du ein Verkünder der reinen, freikirchlichen Lehre und kämpfst wie einst Er gegen den gottlosen Sündenpfuhl, der dir das Schaffhauser Nachtleben bedeutet. Du führst keinen Wahlkampf, du willst bloss, dass «wieder ein lässiger Ausgang möglich ist», und ein solcher ist bekanntermassen gottesfürchtig abstinent und keusch.
Was mich nun wundert, ist der Umstand, dass es dich wundert, dass die Reaktionen auf deine Vorstösse «teilweise sehr despektierlich» ausgefallen sind. Du bist doch bibelfest, Paddy, kennst die Geschichte deines Vorbildes: Wurde Jesus etwa mit offenen Armen empfangen? Musste er nicht auch die andere Wange hinhalten? Wurde er schlussendlich nicht, na, gekreuzigt? Soviel musst du dann schon ertragen, sonst wird das nichts. Mal davon abgesehen, dass dir ohne Martyrium plus Auferstehung das Beste vorenthalten bleibt: Deine Apostel werden Jahrhunderte später ein Bild von dir zeichnen, wie du es dir deiner Lebtage lang bloss erträumt hast (blond, schön), und werden dir sehr wahrscheinlich auch nachplappern, dass du ein tiefgründiger Rapper gewesen seist: «Säged alli zäme: O Herr! O Herr!»
Kein künftiger Apostel «Sympaddycs»,
Christian Erne
Crowdfunding für Cosmo Alley, PS: they made it!
Geschrieben am 14 Mai 2012 von Verfaulte Geschichten in «Arbeit, Geld, Musik, Werbung»| Keine Antworten
Tom Krailing und Gianni Palumbo haben es geschafft – dank diesen Unterstützer/innen sind weit mehr als die benötigten 8’000 Franken für die Produktion von Cosmo Alleys Debutalbum im Kasten (und es darf weiter gefördert werden, das Crowdfundingprojekt läuft noch 40 Tage). Tom Krailing erzählte uns via Telefon, dass sie auch den Extrabatzen in die Musik stecken würden: Jetzt müsse ihnen Guz für die Aufnahmen im Startrack Studio beispielsweise keinen Spezialpreis mehr machen, sie könnten ihm einen anständigen Preis bezahlen, und dann gehe es fürs Mastering nach L.A., zu Doug Sax, der Ryan Adams letzte Platte «Ashes & Fire» (2011) gemastert habe, eine Arbeit vor der sich beide Cosmo Alleyens tief verneigt hätten. Für die eigene würden sie sich nun so viel Zeit nehmen, wie es brauche, bis alles stimme. Und da das Weihnachtsgeschäft Scheisse sei, werde Cosmo Alleys Erstling voraussichtlich im Januar oder Februar 2013 erscheinen.
Das Rasafari 2012 nach dem Motto: «S’isch bewölkt, aber d’Sunne schiint» (Min King)
Geschrieben am 11 Mai 2012 von Verfaulte Geschichten in «Freizeit, Musik, Veranstaltung, Werbung»| Keine Antworten
Die Wetterprognose für den Samstag ist seit Tagen düster, das OK des Rasafari 2012 hat das Open Air deshalb vorsorglich vom Mosergarten in die Kammgarn verlagert. Das klappte, weil die Aktionshalle dieses Jahr für die unverzichtbare Anschlussparty gebucht worden war. Zur Erinnerung: Unabhängig vom Wetter ist im Mosergarten jeweils um halbzwölf Schluss mit lustig und laut, so wollen es unsere Behörden. Vor vier Tagen wurde auch bekannt gegeben, dass der Wuppertaler Rapper Prezident nicht am Rasafari 2012 auftreten kann (er soll an einem Strassenfest als Helfer eingespannt sein). Und dann gibt es dieses Jahr eine Doppelbuchung: Skor und Steezo alias MDMA treten nicht nur am Rasafari auf, sondern spielen anschliessend im TapTab an der Sky’s-The-Limit-Party ein kleines Set. Wir lassen uns die Stimmung davon aber nicht vermiesen, denn das Programm verspricht mit Mosh Feratu (SH), We Are (V-S/SH), MDMA (ZH) und De Luca (ZH) nach wie vor viel. Und bei unserem Alternativradio kann man sich auf eines verlassen: Weil das Open Air im Mosergarten gratis gewesen wäre, kostet der Eintritt in die Kammgarn nur 5 Franken. Support your local independent radio station!
Kiffen und unentschlossen bleiben mit David Shrigley
Geschrieben am 10 Mai 2012 von Erne in «Beauty, Drogen, Kunst»| 1 Antwort
Andere Schaffhauser Musikgeschichte, Vol. 9: Lemon Ice († 1993)
Geschrieben am 7 Mai 2012 von Erne in «Alkohol, Comics, Dorfleben, Freizeit, Musik, Veröffentlichung»| 2 Antworten
Lemon Ice wird 1990 von drei Teenagerebellen mit Jahrgang ʽ74 gegründet. Roman «Lasse» Mäder, Sergio Gai und Christian «Güge» Russenberger sind Schulfreunde aus Gächlingen und Neunkirch im Chläggi. Und wie sich das gehört, wissen sie bei der Bandgründung noch nicht, welche Instrumente sie spielen sollen, geschweige denn, dass sie welche hätten. Sie wissen nur, dass sie eine Band sein wollen, nur schon, um die Mädchen aus der Parallelklasse zu beeindrucken. Und es muss eine Punkband sein. Der Bandname ist eine Referenz an «Zitroneneis» von den Ärzten.
Die Jungpunks haben die Idee, mit drei Gitarren zu spielen. Sergio spielt die erste, Roman die zweite und weil Güge Bass spielen will, spielt sein jüngerer Bruder David «Dävi» Russenberger die dritte Gitarre. Geprobt wird im Hobbykeller der Russenbergers am Haslacherweg 469 in Neunkirch. Es geht nicht lange gut, denn eine Punkband ohne Schlagzeuger ist halt nur halb so laut.
Den Job übernimmt Jürg «Gigi» Gysel aus Gächlingen, in dessen Gewölbekeller an der Dorfstrasse Lemon Ice dann auch gleich ihren Proberaum verlagern. Statt den Mini-Verstärkern steht dort eine grosse Anlage mit leistungsfähigen Boxen für so richtig lauten Krach. Und als Dävi aussteigt, proben Lemon Ice mit Roman an Gesang und Gitarre, Güge am Bass, Sergio an der Rhythmusgitarre und Gigi am Schlagzeug weiter. Die ersten Lemon-Ice-Kracher heissen «15», «Scheisse» und «Chaos».
Express yourselves!
Geschrieben am 6 Mai 2012 von Verfaulte Geschichten in «Film, Sport, Widerstand»| Keine Antworten
Flüchtlingsströme nach Europa (7): Die Papierlose Zeitung mit Liedern der Freiheit
Geschrieben am 4 Mai 2012 von Verfaulte Geschichten in «Medien, Migration, Widerstand»| Keine Antworten
Vögel von verschiedenen Farben strecken ihre Flügel, bereit zum Fliegen; Sie nisten in jedem Baum und legen goldene Eier, Migrierende Vögel singen Lieder der Freiheit. …(John Njuguna)
Am 13. März besetzten Aktivist/innen von Bleiberecht Schweiz das Zentralsekretariat der SP in der Berner Altstadt, weil sich Simonetta Sommaruga bei einem Treffen zuvor nicht dazu durchringen konnte, eine Liste mit 173 Namen von Sans-Papiers zu prüfen. Das und mehr lesen wir in der vierten Ausgabe der Papierlosen Zeitung, deren Beiträge seit ein paar Tagen online sind. Die Papierlose Zeitung ist ein Gemeinschaftsprojekt: Für einmal schreiben nicht Journis und andere Privilegierte über Flüchtlinge, die Betroffenen berichten selber, vom Leben unter dem Nothilferegime, von der Schwarzarbeit auf dem Bau, vom Kampf gegen das Heiratsverbot, oder setzen sich kritisch mit der Institutionalisierung der Autonomen Schule Zürich auseinander. Fucking Lesebefehl!
Hoied, Panks usem Chläggigaggi! – vers ASM, Vol. 9: Lemon Ice
Geschrieben am 2 Mai 2012 von Erne in «Dorfleben, Kunst, Migration, Musik, Veröffentlichung»| Keine Antworten
Vor vier Wochen besuchte ich Milk&Wodka-Mann Roman Mäder in Zürich. Er haust dort an der Scheuchzerstrasse, wenn er nicht gerade als Trash-Country-Gitarrero (und selbstverständlich auch als Fake-Tattoo-Artist) Larry Bang Bang die Lande unsicher macht (kürzlich etwa Australien feat. Bright Fight). Vor Larry war Roman Larissa Bang Bang, Frontqueer der Surf Angels. Und vor Larissa war er Lasse, Dorfpunk und Sänger von Lemon Ice aus Neunkirch/Gächlingen – der Grund für unser Treffen.
Lemon Ice nahmen 1992 ihr erstes und einziges Studiotape «Dä Mond im Fishpank» auf und zwei Jahre später bekam ich ein Exemplar in die Hände gedrückt. Von Simon Weilenmann, meinem ersten Kontakt mit Punk in der ersten Oberstufe. Ich hörte «Dä Mond im Fishpank» rauf und runter, «Swissmade» kann ich heute noch auswendig. Und dann war da diese Todeshymne mit dem Namen «Ligo», die mich auf dem Höhepunkt meiner Pubertät ins Innerste traf. Ich sang «Ligo» wehmütig mit wie vorher nur «Alles aus Liebe» von den Hosen…
Roman aka Larry tafka Larissa tafka Lasse sagte bei unserem Treffen in seiner verrauchten Zweizimmerblockwohnung, dass er durch das Vorhaben, Lemon Ice zu dokumentieren, tief in seine eigene Pubertät eingetaucht sei. Er hatte ein umfassendes Dossier zusammengestellt und nächtelang Kassetten digitalisiert und Fotos eingescannt. Wir gingen das Material gemeinsam durch, während wir Pizza Margherita mit Tabascosauce assen. Und zum Abschied reichte mir Roman Rocko Schamonis Roman «Dorfpunks» und sagte, dass er sich in den Erzählungen wiedererkannt habe, als junger, wütender Punk aus dem Chläggigaggi. Wegen Stellen wie dieser:
«Depressionen zogen wie dunkle Wolken über den ehemals blauen Himmel meiner Seele; mit der Pubertät fing es in mir an zu regnen. Ein Regen, der nicht wieder aufhörte. Regen. Löcher, überall Löcher. Unbestimmter Hass, Angst, unendliche Selbstzweifel und dann auch der Gedanke an Selbstmord als letzten, versöhnlichen Ausweg, wenn alles andere gar nicht mehr zu ertragen war. Jeden Tag dachte ich zigmal daran; das war meine virtuelle Beruhigungstablette. Die Depressionen teilte ich mir den anderen Elenden unserer Dropout-Gang.»
Die Rekonstruktion von Romans Dropout-Gang folgt nächste Woche.


